Der Kreuzweg am Friedhof im Dialog mit der Jüdin Etty Hillesum

Am 26. März 2026 brachte eine besondere Veranstaltung Kunst, Literatur und Theologie in einen stillen, vielschichtigen Dialog. Der Titel der Veranstaltung war ein Zitat von Etty Hillesum: "Man möchte ein Pflaster auf so vielen Wunden sein".

Zahlreiche Besucher:innen folgten der Einladung des St. Barbara Friedhofs, der Pfarre Linz-Mitte und des Kulturvereins Etty.

Das Leiden Jesu dargestellt im Kreuzweg … 

Ausgangspunkt bildete der 2008 neu gestaltete Kreuzweg des Künstlers Ruedi Arnold. Seine fragilen, auf Granitsäulen erhobenen Bronzefiguren begleiteten die Teilnehmenden entlang ausgewählter Stationen der Via Dolorosa. In ihrer reduzierten Formensprache, ohne expressive Gesichter und ganz auf Körperhaltung und Geste konzentriert, eröffnen sie einen eindringlichen Zugang zum Thema Leiden sowie zur Frage nach Standhaftigkeit. Die Figur Jesu wird hier als Verkörperung eines Zustands von Ausgesetztheit und zugleich von innerer Widerständigkeit dargestellt. 

Pastoralvorständin Monika Weilguni betonte in ihrer theologischen Hinführung zum Kreuzweg: “Dieser Kreuzweg heute zeigt uns: Jesus Christus geht den Weg, um unsere Verletzlichkeit auszuhalten. Er geht den Weg der Liebe. Er hat Gewalt und Leid in Liebe verwandelt. So wird der Kreuzträger zum Hoffnungsträger.”

.. im Dialog mit Etty Hillesum

Diese künstlerische Annäherung wurde bewusst durch eine zweite, eigenständige Stimme geöffnet: durch die Texte der jüdischen Schriftstellerin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Aus der existenziellen Erfahrung von Verfolgung und Bedrohung während der Shoah heraus formuliert, kreisen ihre Aufzeichnungen um die Frage, wie Menschlichkeit, Würde und Hoffnung selbst im Angesicht des Unausweichlichen bewahrt werden können. 

Die Texte Hillesums, gelesen von der Schauspielerin Bettina Buchholz, entfalteten eine besondere Kraft: Inmitten von Verfolgung und existenzieller Bedrohung zeugen sie von einer inneren Haltung, die sich dem Hass widersetzt und an Menschlichkeit, Würde und Hoffnung festhält - auch an jener persönlichen Hoffnung, nicht aufzuhören, Gott einen Platz im Inneren einzuräumen. Musikalisch gestaltet wurde der Abend von Ewa und Bohdan Hanushevsky von Kohelet3, deren sensible Interpretation den Dialog zwischen Text und Raum vertiefte.

Der Kreuzweg und Hillesums Texte wurden an diesem Abend nicht miteinander gleichgesetzt, sondern als unterschiedliche Zugänge wahrgenommen: hier die religiös geprägte Bildsprache des Leidensweges, dort eine persönliche, literarische Reflexion eines inneren Weges durch das Leid hindurch. Ohne diese Ebenen aufzulösen, lud die Veranstaltung dazu ein, leise Berührungspunkte wahrzunehmen – ebenso wie die Differenzen bewusst stehen zu lassen.

Zum Abschluss wurden die Teilnehmenden zu einem gemeinsamen Ritual eingeladen. Durch das Ablegen eines Steins, einer Rose oder eines Grablichtes konnte der Weg individuell weitergegangen werden – als persönliche Geste des Erinnerns. Der Kreuzweg lädt auch weiterhin dazu ein, die still in den Raum ragenden Figuren zu betrachten und sich der Bewegung des Aufrichtens aus der Trauer anzunähern.

Der Friedhofs als Ort des Lebens 

Ein Teilnehmer fasste seine Erfahrung so zusammen „Das im Programm angekündigte differenzierte Gespräch zwischen Religion, Kunst und Literatur vollzog sich weniger im gesprochenen Wort als in der gemeinsamen Stille, im Gehen, im Innehalten. Der Friedhof wurde so zu einem Ort des Lebens – zu einem Raum, in dem Trauer, Erinnerung und Hoffnung nebeneinander stehen durften. Es tut gut, einen Friedhof so aufzubrechen hin zum Ort des Lebens. Durch das Beispiel Etty Hillesums verliert der Tod seinen Stachel - zumindest für die Zeit, in der man ihr Wort- und Tat-Zeugnis an sich heranlässt, tief in sich einsickern lässt. Ihr Satz über den Hass blieb dabei besonders eindrücklich: ‚Dieser undifferenzierte Hass ist das Schlimmste was es gibt. Es ist eine Krankheit der eigenen Seele.‘“(Ernst Gansinger)

So blieb der Abend nicht bei der Betrachtung von Leid und Vergänglichkeit stehen, sondern eröffnete – im Sinne von Memento Mori – auch einen Blick auf das „Dennoch“: auf Solidarität, Menschlichkeit und Hoffnung, die gerade im Angesicht des Bruchs ihre Kraft entfaltet. Die Veranstaltung wurde so zu einem leisen Resonanzraum des Erinnerns. 

Das Andenken als Segen 

Etty Hillesum, ihre Eltern, ihr Bruder Mischa und das von Etty so geliebte ‚gelähmte Mädchen‘, sie ALLE wurden namenlos in den riesigen Krematoriumsöfen von Auschwitz verbrannt. 83 Jahre später wurde in der Verabschiedungshalle des Barbara Friedhofs Linz ihrer mit Würde und Liebe gedacht. "Zichrono liwracha - ihr Andenken sei ein Segen.“ (Johannes Neuhauser, Kulturverein Etty) 

Fotos: Clemens Frauscher. Text: Martina Resch / AME.